FREI SEIN – über Freestyle, Sinn und Sinnlichkeit im Pole Dance

“Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.”Pina Bausch

Was ist eigentlich “Freestyle”?

Plötzlich kam Corona, und damit auch diese vielen Umstellungen, die uns aus unseren alten, lieb gewonnenen Pole-Gewohnheiten herausrissen. Auf einmal sind unsere Happy Places geschlossen, unser Trainingsrhythmus dahin, und mit ihm oft auch Motivation, die hart antrainierte Kraft und Schmerztoleranz, und all das, was wir vorher meist als selbstverständlich ansahen. Was bedeutet Pole Dance, und vor allem freier Tanz nun in einer Zeit, in der Freiheit eingeschränkt werden muss, um das Wohl der Gemeinschaft zu schützen, und ich nun all diese freie Zeit habe, aber mich dennoch so unfrei fühle?

Wer vor Corona regelmäßig Freestyles praktizierte, wird sicherlich eine signifikante Änderung in sich wahrgenommen haben. Wer vorher schon Mühe damit hatte, sich frei zu bewegen, fühlt sich nun eventuell noch hilfloser, wenn er die Pole ansieht und nichts als ein schwarzes, leeres Loch um sich wahrnimmt, wenn es heißt “gleich kommt ein Song, und jetzt Freestyle!”. Umwälzungen sind ein guter Anlass für Paradigmenwechsel, für ein Hinterfragen des bisherigen Tuns, für einen Richtungswechsel – dafür braucht es jedoch zunächst Definitionen, damit wir wissen, wo wir überhaupt herkommen. Daher hoffe ich dir mit diesem Artikel ein paar Denkanstöße zu geben, damit du entweder mehr von dir selbst durch freien Tanz entdeckst, oder freien Tanz überhaupt für dich entdeckst.

Photo: Christina Bulka – Late Night Tales Photography

Tanz und Bewegung sind ein sich Ausdrücken mit anderen Mitteln als Worten

“Freestyle” ist mittlerweile zu einem Buzzword verkommen, wie so viele Worte, die ohne tiefere Bedeutung genutzt werden, um häppchenweise bestimmte Produkte zu verkaufen: sei es eine Poleklasse, oder irgendetwas, das man für die Instagram Caption nun einmal in Worte fassen muss. Hauptsache es vermarktet sich, und der Hashtag ist ein populärer. Mir stellt sich häufig die Frage, wieso im Pole Dance im Vergleich zu anderen Tanzarten zwar oft gefreestylet wird, aber so häufig weder Freiheit noch Authentizität zu erkennen sind. Meines Erachtens liegt es meistens daran, dass kaum hinterfragt wird, was Freestyle sein soll, wie sich das tänzerisch äußert, und wieso man überhaupt tut, was man tut.

Tanz und Bewegung sind ein sich Ausdrücken mit anderen Mitteln als Worten. In der Regel haben wir gelernt, unsere Worte mit Bedacht zu wählen, wenn wir etwas sagen wollen – damit die Message auch ankommt. Im Pole Dance, das ohne klassische und traditionelle Definitionen auskommen muss, passiert es also oft, dass Tanz als ein Aneinanderreihen von Techniken interpretiert wird, und das bitteschön auch immer auf den Beat des Songs, damit es auch “wirklich” getanzt ist. Wir blicken zu denjenigen auf, die das körperlich besonders gut hinbekommen, und denken, dass es bei uns deshalb noch so viel besser werden muss, weil uns einfach Kraft und Flexibilität fehlen. Wir spreizen vor allem im Exotic Pole gewohnheitsmäßig die Beine, ohne dass die Beine für uns sprechen. Wenn ich meine Vagooch schon ins Publikum halte – will ich damit nicht auch irgendetwas ausdrücken, oder mache ich es nur, weil man das im Pole halt so macht?

Was ist aber, wenn mein innerer Fokus in dem Moment das ist, was darüber entscheidet, wie meine Bewegung aussieht und ankommt, und nicht nur meine “Kraft und Flexibilität”? Was, wenn freier Tanz mir dabei helfen kann, dieses Gefühl des fokussiert Seins, auch Flow genannt, besser zu finden?

Habe ich keinen Fokus, wird man mir das auch ansehen

In der Regel kann man Freestyle/Freedance/Improvisation allgemein erst mal als freien Tanz ohne Bindung an eine vorgefertigte Bewegungsabfolge auffassen, nur kommen aber so viele weitere Schichten mit hinzu, dass das vermeintlich Einfache oft zu kompliziert und unnahbar wirkt, und daher vor allem Anfänger ohne Tanzbackground oft verschreckt. Die erste Hürde ist für die meisten erst mal überhaupt für einen ganzen Song sein Ding zu machen, ohne sich vor Selbstzweifeln in der hintersten Ecke des Studios zu verkriechen. Wenn Freestyle aber nur zu “so, die Stunde ist fast vorbei, freestylet jetzt mal zu dem Song” verkommt, ohne weitere Türen zu öffnen, und am Ende diejenigen, die am selbstbewusstesten sind ihre Skills smooth rauszuschmettern, als die besten Tänzer gelten, wundert es mich nicht, dass die tänzerische Entwicklung der Polebranche in einem Einheitsbrei versumpft.  Wir können nicht erwarten, dass wir so wirken, als ob wir etwas spüren, wenn wir es schlichtergreifend nicht tun. Habe ich keinen Fokus, wird man mir das auch ansehen.

Photo: Christina Bulka – Late Night Tales

Es gibt nicht den einen Freestyle

Freestyle kann so vieles sein, beispielsweise…

  • ein fast spirituelles Ritual, um sich selbst mental und körperlich besser zu spüren
  • ein Ausdruck der inneren Welt in ihrem Verhältnis zur äußeren Welt – ob emotional oder eher körperlich
  • eine sogenannte Movement Exploration, um neue Bewegungsmuster zu finden
  • ein spielerisches, kaum planvolles Bewegen – um physisch mehr Freiheit zu finden
  • Mittel zum Zweck, um Bewegungsabläufe flüssiger zu bekommen oder „was Neues“ zu entdecken

Entscheidend ist allein, was man für sich als das identifiziert, was man gerade braucht: Wie geht es mir gerade, was tut mir gut, und was brauche ich in diesem Moment?

Ich stelle mir das vor wie eine Schale mit verschiedenen Obstsorten, die mir an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich gut schmecken und unterschiedlich gut tun. Wichtig ist zu wissen, worauf man an diesem Tag Lust hat, und was an diesem Tag vielleicht gut für einen wäre, auch wenn man mehr Lust auf das andere Obststück hätte, oder sogar Lust auf zu viel des Guten (Schon mal zu viele Kirschen gegessen?). Und genau das pickt man dann für sich heraus. Wenn man das Falsche herausgepickt hat uns es einem nach dem Verzehr nicht besonders gut geht, sollte man vielleicht daraus lernen und sich nächstes Mal daran zurückerinnern.

Was treibt dich an?

Sagen wir, du hast bereits den Punkt erreicht, an dem Freestyle kein Begriff mehr ist, der dich aus dem Studio rennen lässt, und du regelmäßig für mindestens einen ganzen Song am Stück tanzt. Vielleicht genießt du es mittlerweile sogar. Vielleicht ist es fester Bestandteil deines Polelebens. Nun ist die Frage, wie du es hinbekommst, dass es sich irgendwie authentischer und verbundener anfühlt, und dass man diese Echtheit und Connection auch von außen mitbekommt. Ich würde mir zuallererst die frage stellen, WOFÜR du das machst? Was treibt dich an? Klar ist die Standardantwort fast aller Pole Dancer “ich mache das nur für mich und für niemanden sonst” – aber von welchem Punkt kommst du, wenn dich etwas antreibt? Tust du es, weil du dich besser fühlen willst (Self-Care Aspekt), weil du irgendetwas austreiben willst, das sich seit Jahren quält, weil du vielleicht von einem Ausgangspunkt der Angst kommst, weil dich der Ehrgeiz antreibt, oder weil du den Entwicklungsprozess so genießt? Es kann noch viel mehr Motivationen geben als diese hier; wichtig finde ich nur, nicht sofort zu werten, sondern einfach wahrzunehmen, wo man ganz ehrlicherweise herkommt. Das eine ist nicht höherwertiger als das andere – es ist nur wichtig sich selbst einen Check zu verpassen um zu wissen, wie die eigenen Erwartungen an sich selbst und an den Freestyle sind, um die dann aufkommenden Gefühle entsprechend einordnen zu können. Ein ehrlicher Zugang zu Improvisationstanz ist im Prinzip ein konstantes sich Auseinandersetzen mit sich selbst – und das kann recht emotional werden und mit so manch einer Frustration verbunden sein. Schreibe deine Gedanken daher am besten schriftlich nieder, um dir selbst bewusst zu machen, an welcher Station deiner Freestyle-Reise du dich gerade befindest, und wo du hinreisen möchtest. 

Photo: Christina Bulka – Late Night Tales

Freier Tanz ist nichts, das man gelehrt bekommt, sondern vielmehr ein Stein, der ins Rollen gebracht wird

Wenn diese Reise nun eine steinige mit Umwegen ist, wieso sollte ich sie mir antun? Meine Antwort wäre, dass Tanz keine Pauschalreise ist. Vor allem, wenn man mehr Bewegungsausdruck finden will, der sich für einen selbst richtig anfühlt, und auch bei anderen authentisch und präsent rüberkommt, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Reise keine einfache sein wird. Aber sie wird sich gelohnt haben, weil du merken wirst, wie du dich entwickelst. Wie du weniger Motivation von außen brauchst, weil der Tanz zum Selbstzweck wird. Weil deine Bewegungsqualität durch die Decke gehen wird, und andere Menschen dir diese innere wie äußere Entwicklung ansehen werden. Du wirst es hinbekommen, einen Moment der Verbindung zwischen der äußeren Welt und deiner inneren Welt zu schaffen, wo das Selbst auf das Andere aufeinandertrifft, und das sind dann die Momente, wo du wirklich frei tanzt und dich befreit fühlst. 

Alles, was du tun musst, ist dir ein paar Fragen zu stellen, und zu wagen echte, sinnliche Erfahrungen zu machen. Was spüre ich, wo spüre ich es? Warum spüre ich es? Stell dir diese Fragen regelmäßig als Check-up, um eine Connection zu dir selbst und zu deinen Motivationen zu behalten. Erst dann kommen die sogenannten Prompts, die darauf ausgelegt sind, dass du einen konzentrierteren Fokus findest, und neue Facetten an deinem Freestyle entdeckst.

Wenn du von hier aus alleine nicht weiter weißt, finde dir einen Sensei (Japanisch “Lehrer”), der wörtlich übersetzt diesen Weg schon für dich vorausgegangen ist, und dich anleiten kann deinen eigenen Weg zu finden. Freier Tanz ist nichts, das man gelehrt bekommt, sondern vielmehr ein Stein, der ins Rollen gebracht wird. Du gehst deinen Weg dann nicht einsam, aber dennoch für dich selbst. Du findest dann wahrscheinlicher zu der Pole Dancerin oder dem Pole Dancer, der du wirklich bist, und nicht zu dem, der du denkst du sein solltest.

Freestyle ist der Katalysator, der dir dabei helfen kann, dein eigenes Drehmoment zu finden

Die Coronakrise hat uns zur Langsamkeit gezwungen – nun ist es unsere Entscheidung, ob wir inne halten wollen, um mehr Ehrlichkeit zu uns selbst zu wagen, oder ob wir danach ganz schnell wieder zum Business as Usual zurückkehren wollen. Die Situation erinnert uns alle daran, was uns nun fehlt, und was uns somit wirklich wichtig ist. Ich denke, dass sich das auf Tanz genauso bezieht wie auch auf den Rest unserer Leben, da alles miteinander verwoben ist. Nun liegt es an dir, dir Zeit für einen romatischen Spaziergang um deine Pole zu nehmen, damit du deine Beziehung zu ihr neu definierst. Freestyle ist der Katalysator, der dir dabei helfen kann, dein eigenes Drehmoment zu finden.

Über die Autorin: Alisa Saric’s Welt änderte sich schlagartig, als 2013 Pole Dance in ihr Leben trat. Was für eine große Rolle Pole eines Tages spielen würde, war ihr nicht mal ansatzweise klar, als sie einfach aus purer Freude an diesem besonderen Gefühl, das Pole ihr gab, bei der Stange blieb. Ohne sportlichen oder tänzerischen Hintergrund kommend, wollte sie dennoch endlich tanzen, und zwar so, wie es für ihren Körper und Geist Sinn machte.

Jahre später eröffnete sie Drehmoment Pole.Aerial.Dance in Berlin, das mittlerweile international für einen besonderen Freiraum steht, in dem Pole Dance als freie Tanzform methodisch an seine Community vermittelt wird, unabhängig vom Background ihrer Mitglieder. 

Alisas größte Passion ist das Unterrichten, so dass sie bis heute mit viel Herzblut ihre Entdeckungen mit ihrer Schülerschaft teilt. Sie ist spezialisiert auf freien Tanz, Sensual Pole in Heels, Natural Movement sowie auf Mobilitätstraining und Biomechanik. 

Sag hi auf Instagram: @2112alisa, @drehmomentberlin

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